Rapssaat bewegt sich im Bärenmarkt

Der Agraranalyst Martin Hares von der KS Agrar GmbH sieht den derzeitigen Rapsmarkt in Bärenstimmung. Die Folge der EU-weit eingefahrenen Rekordernten war zunehmender Preisdruck, den der Markt jetzt spürt. Mittelfristig sieht der Marktexperte für die Nachfrageseite den Energiesektor an Bedeutung gewinnen, auch wenn dabei viel von politischen Entscheidungen abhängt. Für Raps sprach Mechthilde Becker-Weigel vom wirtschaftsdienst agrar mit Martin Hares über die aktuellen Marktentwicklungen.

Raps: Was sind zurzeit die wichtigsten Einflüsse auf den europäischen und deutschen Rapsmarkt?

Martin Hares: Angesichts der mehr als guten Ernten in weiten Teilen Europas (Deutschland 6,08 Mio. Tonnen; Frankreich 5,4 Mio. Tonnen;
EU-27 20,5 Mio. Tonnen) entstand vor der Ernte zunehmender Preisdruck. Die Versorgungslage der Mühlen bis in den Winter hinein ist sehr gut. Gerade auf den vorderen Terminen waren und sind die Preisabschläge gegenüber der MATIF sehr hoch. Ein reiner Käufermarkt entstand. In der Europäischen Union zeichnet sich bis ins Frühjahr hinein eine knappe Versorgungslage auf dem Sojasektor ab. Aufgrund der „Null-Toleranzpolitik“ für noch nicht in der EU genehmigte genetisch veränderte Mais- und Sojabohnensorten fallen die USA als Lieferant weitestgehend aus. Die EU benötigt aber im Zeitraum Oktober bis März eine Menge von 5 bis 6,5 Mio. Tonnen Bohnen aus den USA, da Südamerika bereits heute nahezu ausverkauft ist. Dies würde für eine steigende Verarbeitung von Raps in den kommenden Monaten sprechen, um Sojaschrot im größeren Umfang durch Rapsschrot zu ersetzen. Die Entwicklung der Sojapreise bleibt mittelfristig schwer auszurechnen, da viel von den Erträgen der südamerikanischen Ernten im Frühjahr 2010 abhängen wird. Sollten sich die Prognosen für die US-Sojabohnenernte bewahrheiten (optimistische Schätzungen gehen von bis zu 90 Mio. Tonnen aus) und es zu Erntedruck und Engpässen bei der Exportlogistik kommen wird, dürfte sich der Preisdruck auch an der MATIF bemerkbar machen.

Raps: Bildet die Matif aus ihrer Sicht als Makler derzeit (Mitte September) ein realistisches Preisniveau ab?

Martin Hares: Jein. Für die vorderen Termine ist die MATIF derzeit wohl etwas überbewertet. Die Ölmühlen haben sich aus der Ernte heraus ordentlich eingedeckt und sind nur noch sporadisch und widerwillig als Käufer am Markt. Dies findet natürlich auch Ausdruck in den Preisen.
Bei Abschlägen von 15 bis 20 €/t für Septemberlieferung gegenüber dem Novembertermin kann wohl kaum von einem realistischen Preisniveau gesprochen werden. Auf den hinteren Terminen sieht die Lage wieder anders aus. Berücksichtigt man die gängigen Fracht- und Umschlagsparitäten des physischen Marktes gegenüber der MATIF, passen die Notierungen schon zusammen. Mittelfristig sollte sich die
Schieflage am Kassamarkt aber wieder einrenken und die MATIF wird auch auf den vorderen Terminen wieder ein Abbild der physischen
Märkte darstellen.

Raps: Wie können Erzeuger für ihre Restmengen aus der Ernte 2009 noch eine optimale Preissicherung betreiben in dieser Saison?

Martin Hares: Das ist natürlich zum jetzigen Zeitpunkt sehr schwer. Wir befinden uns in einem Bärenmarkt. Dass die Preise zumindest kurzfristig den Boden noch nicht gefunden haben ist nicht auszuschließen. Die Frage die sich stellt ist, was man unter „optimal“ versteht. Um
das bestmögliche Ergebnis zu erzielen ist der Zug längst abgefahren. Statt wieder auf Höchstpreise zu spekulieren, sollte vielmehr Schadensbegrenzung betrieben werden. Die Frage muss lauten, zu welchem Preis kann noch gewinnbringend vermarktet werden? Um
dieses Ziel zu erreichen, sollten angesichts der niedrigen Prämien auch börsengestützte Vermarktungsatrategien ins Auge gefasst werden.
Aber unabhängig vom Weg der Vermarktung sollten Phasen der Markterholung für eine Vermarktung genutzt werden.

Raps: Die Ernte 2009 brachte für die EU die bislang größte Rapsernte, aber der Markt verläuft sehr zäh.Was können die Marktteilnehmer
aus dem diesjährigen Marktverlauf lernen?

Martin Hares: Die Rekordernte in der EUbrachte mit sich, dass sich aus der Ernte herausein deutlicher Angebotsüberhang entwickelteund ein reiner Käufermarkt entstand. Druckpartien und Preiseingeständnisse von derVerkäuferseite waren die Folge. Dies hat einmalmehr gezeigt, dass sich die Abgeber frühzeitigum die Vermarktung kümmern müssen. Dabeigeht es weniger um die preisliche Ausgestaltung,als vielmehr darum, den Warenfluss sicherzustellenum Druckpartien zu vermeidenund den Erntedruck zu lindern. Dabei werdenKontraktmodelle wie Prämienkontrakte, EFP oder Optionen und eine stetige Marktbeobachtung einen stetig wachsenden Stellenwert einnehmen.

Raps: Die Rapsaussaat für die nächste Saison ist abgeschlossen.Worauf sollten Landwirte bei der Vermarktung und beim Abschluss Vorkontrakten für die Ernte 2010 achten?

Martin Hares: Angesichts der aktuellen Marktlage ist es natürlich schwer, jetzt schon über die Vermarktung der Ernte 2010 zu diskutieren.
Wichtig wird aber sein, klar seine betrieblichen Kostenstrukturen zu kennen und sich daraus einen Mindestpreis abzuleiten. Liegt der aktuelle Marktpreis oberhalb dieses Mindestpreises sollte über den Verkauf von Teilmengen nachgedacht werden. Gerade Prämienkontrakte bieten sich für eine frühzeitige Vermarktung an. Diese haben den Vorteil gegenüber Vorkontrakten, dass die Preisliche Fixierung bis zur Ernte erfolgen kann.

Raps: An der Matif werden auch Optionen auf Rapsfutures gehandelt. Unter welchen Voraussetzungen Könnte das Optionsgeschäft in die
Kontraktgestaltung Einzug nehmen?

Martin Hares: Derzeit gestaltet sich der Optionshandel auf Weizen, Raps und Mais an der MATIF noch sehr illiquide. Dies kann sich für Marktteilnehmer durchaus negativ auswirken. Zusätzlich gestaltet sich der Marktzugang derzeit noch schwierig. Kaum eine Bank oder ein
Broker bietet den Handel an. Solange es keinen einfachen und direkten Zugang zum Markt gibt und der Markt nicht an Liquidität gewinnt, sollte noch Abstand vom Optionshandel genommen werden. Gleichzeitig besteht auf fast allen Stufen des Agrargewerbes noch ein deutlicher Aufklärungsbedarf über die Funktionsweise und die Anwendungsfelder. Bis sich der Optionshandel als eigenständiges Handelsinstrument etabliert hat, wird wohl noch einige Zeit vergehen.

Raps: Welche Vorteile würden sich für die Erzeugerstufe, Handel und Verarbeiter ergeben?

Martin Hares: Für den Landwirt stellen Optionen nichts anderes dar als ein Mindestpreismodell. Das bedeutet, dass er sich einen bestimmten
Verkaufspreis sichern kann und abhängig von der jeweiligen Marktentwicklung zu diesem Preis die Option ausübt oder bei steigenden Preisen diese verfallen lässt. Dies bietet dem Landwirt eine Preissicherung nach unten bei gleichzeitiger Partizipation an steigenden Preisen. Für den Handel und Verarbeiter sind dies natürlich interessante Dienstleistungen zur Kundenbindung.

Raps: Was werden aus Ihrer Sicht mittel- und langfristig die größten Veränderungen am Ölsaatenmarkt sein, auf die die Marktteilnehmer sich einstellen sollten?

Martin Hares: Für die Nachfrageseite wird der Energiesektor eine immer weiter steigende Bedeutung einnehmen. Dabei wird viel von politischen Entscheidungen abhängen. In mehreren EU-Mitgliedsstaaten stehen für 2010 Erhöhungen der Beimischungsquoten für Diesel zur Debatte. Hinzu kommt, dass Fragen der Besteuerung und der Einfuhr von Soja- und Palmöl aus Drittländern immer noch ungeklärt sind. Zusätzlich verunsichert die bereits angesprochene „Nulltolleranz“ Regelung für Rückstände von nicht zugelassenen GMO-Sorten aus den USA. Angesichts der Rekordernte von über 20 Mio. Tonnen ist die Europäische Union gut versorgt, größere Importe werden in 2009/10 wohl nicht von Nöten sein. Daran sollte man sich aber nicht gewöhnen. Die hohen Hektarerträge und Ölgehalte werden wohl eher die Ausnahme bleiben als die Regel. Gleichzeitig hat die aktuelle Kampagne auch gezeigt, dass Ernten in Kanada von über 12 Mio. Tonnen und in der Ukraine von 3 Mio. Tonnen eher ein Ausreißer nach oben waren. Damit könnte bereits in der kommenden Ernte die Frage aufkommen: Wie soll die aller Voraussicht steigende Nachfrage nach Raps und Rapsprodukten gestillt werden?

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Bauern als Kaufleute und Spekulanten

Vortrag: Experte Lars Kuchenbuch erklärt, welche Risiken an der Warenterminbörse auf Landwirte lauern Münchberg– Mit Interesse und vielfach ungläubigem Staunen nahmen die etwa 200 Mitglie­der der Raiffeisen-Trocknungs­ genossenschaft Münchberg und  Umgebung den Vortrag „Warenterminbörse eine Möglichkeit der Preissicherung auch für Landwirte” von Lars Kuchenbuch auf. Der Ge­schäftsführer von KS-Agrar GmbH, bei der Deutschen Bank zum Finanzassistenten ausge­bildet, kennt dieses Metier ge­nau. Als Abwickler bei Soufflet Negoce S.A. in Frankreich, bei der CGB in Mount Vemon (USA) sowie als Telefonhändler bei Tenco an der größten Wa­renterminbörse der Welt, der Chicago Board of Trade (CBoT), kennt er alle Unwägbarkeiten bei diesem Geschäft genau. Fast rund um die Uhr wird an den Börsen- weltweit mit Weizen und Soja gehandelt. Allein in Chicago werden im Jahr 600 Millionen Kontrakte mit jeweils Hundert Tonnen pro Kontrakt gehandelt. Das er­rechnete Handels-volumen be­trägt hier 60 Milliarden Ton­nen, bei einer Weltproduktion von jährlich zwei Milliarden Tonnen Getreide und 400 Mil­lionen Tonnen Ölsaaten. ,,Dies bedeutet, dass die Welternte volumenmäßig 25 Mal gedreht wirdl”. Innerhalb eines Tages, so der Experte, gingen mehr als 1400 Meldungen aus dem Agrarbereich über den Ticker, viele von ihnen können zu Preisschwankungen führen. Gründe dafür seien die Freigabe der Märkte (weniger Staat, mehr Markt), die Zunahme der Produktivität in den ehemali­gen Oststaaten, Verschiebun­gen in der Angebots- und Nachfrage-Situation, geplanter Wegfall von Exporterstattungen, Veränderungen der lnter­ventionskriterien, die Nachfra­ge nach erneuerbaren Energien, Spekulationen von Marktteil­nehmern, Strukturveränderungen bei den landwirtschaftli­chen Betrieben, Investment­ banken als Anleger und nicht zuletzt die Wetterkapriolen, die in den vergangenen Jahren ständig zunahmen.  Dadurch, so der Referent weiter, seien auch die Marktpreise beein­ flusst worden. Am Beispiel des Brotweizens machte Kuchenbuch die Risiken für den Landwirt deutlich. In den vergangenen Jahren ha­be sich hier der Preis zwischen 100 und 120 Euro für eine Ton­ne bewegt. Bis Ende September stieg er auf 300 Euro an, um dann bis zum November wie­ der abzubröckeln. Die Meldung ,,in Argentinien könnten even­tuell Frostschäden zu Ernteaus­fällen führen” ließ den Kurs des Weizens wieder ansteigen. Des­halb müsse sich der Bauer fra­gen, ob er eventuell mJt 230 Euro verkauft, oder wartet, um dann eventuell mit 260 Euro verkaufen zu können und sich dann schließlich mit 180 Euro zufrieden geben müsse. ,,Der Bauer ist vom Tag des Saatgut­ kaufs bis zum Zeitpunkt des Verkaufs ein Spekulant”, so der Referent. Auch innerhalb der EU müs­se man sich jedes Jahr auf neue Warenströme einrichten. So hatten die Bauern in den neu­en Ländern befürchtet, dass die Polen mit ihrem EU-Beitritt ihren Markt mit Getreide über­ schwemmen würden, dann sei es aber ganz anders gekommen. ,,Die Polen kauften das Getrei­de in Deutschland.” Wie unberechenbar die Märkte seien, zei­ge die Tatsache, dass die USA dieses Jahr erstmals 25000 Tonnen EU-Weizen in Deutschland kauften. ,,So etwas hat es noch nie gegeben.” Der Landwirt müsse deshalb wie ein Kauf­mann denken, Preisrisiken ab­ sichern und das Gefühl für den richtigen Verkaufszeitpunkt ha­ben, sonst könne die Arbeit für ein ganzes Jahr umsonst gewe­sen sein.

Wackeln im Sturm

Wetterkapriolen und die Launen der Terminhändler lassen die Rendite einer Anlage in Agrarrohstoffe stark schwanken Wenn Anleger in Agrarrohstoffe investieren, liegen Freud und Leid oft nah beieinander. Wäh­rend der Preis für Zucker sich seit Jahres­anfang verdoppelt hat, sind Mais und Weizen nach zwischenzeitlichen Preis­ anstiegen rund 20 Prozent ins Minus ge­rutscht. Ungewöhnlich ist das nicht, die Preise für Agrarrohstoffe schwanken stärker als etwa Aktienkurse. Beispiel Mais: Bauern in den USA haben in die­sem Jahr offensichtlich deutlich mehr Mais angebaut, als die Märkte erwartet hatten. Außerdem verspricht die Wetterlage bislang gute Ernteerträge. Deshalb der Preisrutsch. Das Blatt könnte sich allerdings schon bald wieder wenden: ,,Ein Kälteeinbruch in den USA im Sep­tember würde die Ernte dezimieren und die Preise entsprechend steigen lassen”, sagt Carsten Fritsch, Rohstoffanalyst bei der Commerzbank. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten empfehlen Anlageberater gern, Roh­stoffe als alternative Investments zu Aktien und Renten im Portfolio stärker zu gewichten. Gerade bei zunehmenden In­flationssorgen sollen Sachwerte das Vermögen vor Geldentwertung schützen. Neben klassischen Rohstoffinvestments wie Industriemetallen geraten dabei auch immer wieder Agrargüter ins Blickfeld. Dazu zählen Ausgangspflanzen für Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais, Raps und Soja. Hinzu kommen Genuss­ mittel wie Kaffee, Kakao und Zucker. Wer sich solche Rohstoffe ins Portfolio legt, kauft sich damit allerdings einen nervenaufreibenden Inflationsschutz ein. Und selbst wenn er die Achterbahn fahrt der Agrarpreise über längere Zeit durchhält, wird er nicht automatisch be­lohnt. Anleger, die etwa zu Beginn des neuen Jahrtausends in einen Korb aus Agrarrohstoffen investiert haben, liegen heute mit rund 30 Prozent im Minus. Wer zwei Jahre später eingestiegen ist, schreibt immerhin eine schwarze Null. Im selben Zeitraum haben die Preise von Industriemetallen um fast 200 Pro­zent zugelegt. ,,Dafür war vor allem der Strukturwandel in China verantwort­lich”, sagt Fritsch. Ähnliche strategische Szenarien entwerfen Anlageberater auch für die Agrarrohstoffe: Ein Anstieg der Weltbevölkerung bei gleichzeitig be­grenzten Anbauflächen könnte die Preise für Agrarrohstoffe steigen lassen. Hinzu käme ein wachsender Lebensstandard in den Schwellenländern mit einem größe­ren Bedarf an landwirtschaftsintensiven Produkten wie Fleisch und Milch. ,,Bis­ lang haben solche Entwicklungen die Preise auf den Agrarmärkten aber nicht nachhaltig steigen lassen. Daran dürfte sich kurzfristig auch nichts ändern”, sagt Martin Rares, Analyst beim Agrarmakler KS Agrar (siehe Interview). Von Fortschritten in der Produktions­ technologie können Anleger profitieren, wenn sie zum Beispiel Agrarfonds kau­fen. Denn diese investieren meist nicht in die Rohstoffe, sondern in Unterneh­men der Nahrungsmittelproduktion. Ge­rade diese könnten vom wachsenden Nahrungsmittelbedarf profitieren. So beteiligt sich der Fonds Invest Global Agribusiness der Deutsche-Bank Tochter DWS weltweit an Unternehmen, die zum Beispiel Saatgut oder Düngermittel herstellen: ,,Wir investieren entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Agrarmarkts”, sagt Fondsmanager Ralf Oberbannscheidt. Dazu zählen für ihn auch Hersteller von Bewässerungsanlagen oder Nahrungsmittelhändler: ,,Wir setzen dabei weltweit auf Unternehmen, die daran arbeiten, Ineffizienzen in der Nahrungsmittelproduktion abzubauen”, so Oberbannscheidt. Im vergangenen Jahr hat der Fonds kräftig Federn lassen müssen, dafür liegt er seit Jahresanfang dank gut gelaufener Blue Chips mit 50 Prozent im Plus. Schließlich bieten auch Aktien einen guten Inflationsschutz. Interview: Saisonverlauf entscheider FTD: Herr Hares, Anleger kennen die Argumentation:Weltbevölkerung und Fleischkonsum wachsen, die Erde bietet nur begrenzten Platz, deshalb werden die Preise für Agrarrohstoffe langfristig steigen. Warum sehen wir davon nichts? Martin Hares: Wegen der steigenden Nachfrage weiten Bauern weltweit ihre Produktion aus, gleichzeitig werden die Anbaumethoden effi-zienter. Gerade in den Schwellen­ ländern schlummern noch deutli­che Reserven. Es ist denkbar, dass die Landwirtschaft die Weltbevöl­kerung eines Tages nicht mehr ernähren kann, absehbar ist eine solche Entwicklung für die kommenden Jahre aber nicht. FTD Zuletzt haben die Preise deutlich nachgegeben, Anfang 2008 gab es Rekordpreise zum Beispiel bei Getreide. Wie kommt es zu solchen Preissprüngen? Hares Agrarmärkte funktionieren allein nach saisonalen Gesichtspunkten. In Abhängigkeit von den Preisen der Vorsaison entscheiden die Landwirte, wovon sie wie viel anbauen. Der Rest hängt von der Wetterlage ab. Längerfristige Prognosen zur Preisentwicklung sind deshalb absolut unmöglich. FTD ,,Gegessen wird immer”, so lautet eine populäre Anlegerregel. Ist die Preisentwicklung tatsächlich unabhängig von der Konjunktur-entwicklung? Hares Bei Grundnahrungsmitteln wie Getreide und Getreideprodukten sicherlich. Dennoch passen die Menschen ihre Essgewohnheiten an. Sie kaufen zum Beispiel in schlechten Zeiten weniger teure Fleischprodukte. Das belegen weltweit rückläufige Produktionszahlen aus der Veredellungswirtschaft. Ein massives Engagement von Spekulanten und der abrupte Abzug von Kapital in der Krise haben die Konjunkturabhängigkeit noch verstärk. FTD Treibt denn der Biomasse Boom die Preise? Hares Kaum. Die Bedeutung der nachwachsenden Rohstoffe ist weltweit ehr nachrangig. Nur in den USA gibt es bislang einen nennenswerten Maisverbrauch für die Ethanolproduktion. Die anderen Industrienationen halten sich deutlich zurück, entsprechen gering ist der Einfluss der Biomasse auf die Agrarpreise. Daran dürfte sich auch so schnell nichts ändern. Denn die Staaten werden andernfalls eingreifen, um Nahrungsmittel günstig zu halten.

Das genaue Gegenteil von Spekulation

Aktienbörsen sind zum Spekulieren da und sind daher nichts für solide Bauern und Landhändler. Ganz anders ist dies bei Warenterminbörsen. Wie man sich dort gegen Preisschwankungen auf den Agrarmärkten absichern kann, erklärte Börsenexperte Lars Kuchenbuch in Seminaren des Verbandes der Agrargewerblichen Wirtschaft (VdAW) e. V. Wenn sie den Begriff Börse hören, denken viele Menschen sogleich an spekulierende Händler, die durch riskante Geschäfte Unsummen in den Sand setzen. Weniger bekannt ist hingegen die Möglichkeit, durch Börsengeschäfte den eigenen Handel langfristig abzusichern. Das ist auch vielen Landwirten und Landhändlern nicht bewusst. Allerdings ist für die meisten von ihnen eine Beteiligung an Agrarbörsen auch bisher kein Thema gewesen. Denn bei den jahrelang konstanten und vor allem konstant niedrigen Getreidepreisen schien eine Preisabsicherung schlichtweg nicht lohnend. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die EU hat 2006 und 2007 ihre Interventionsbestände abgebaut. Die Getreidevorräte sind weltweit auf einem historischen Tiefstand. Im vergangenen Jahr kannten die Preise für Agrarrohstoffe vor allem eine Richtung: Nach oben. Sie schossen in ungeahnte Höhen. Auch für die neue Ernte darf man gespannt sein. Selbst wenn nicht jedes Erntejahr so wie 2007 verlaufen sollte, ist es mit der Ruhe auf den Agrarmärkten wohl allenthalben vorbei — und zwar mindestens bis 2010. Die Agrarmärkte werden weiterhin schwanken Lars Kuchenbuch vom Agrar-Dienstleister KS Agrar GmbH, Mannheim, vertritt diese Meinung und kann sie auch begründen: „Die Getreidelager sind weltweit geräumt und wir haben kaum noch Reserven. Selbst wenn wir zwei Rekordernten in Folge einfahren, werden die Rohstoffe erst mal sehr gefragt sein, da wir keine Rücklagen haben. Dem knappen Angebot steht andererseits eine große Nachfrage gegenüber, denn wir verbrauchen mehr, als wir produzieren.“ Er geht davon aus, dass die Preise im Agrarhandel in den kommenden zwei Jahren extrem schwanken, sich aber weiterhin auf einem hohen Niveau bewegen werden. Doch die Preise können nicht nur hoch steigen, sondern auch tief fallen. Diesen Vorgang beschreibt Kuchenbuch mit dem Begriff „volatil“: „Die Volatilität bezeichnet das Auf und Ab von Marktpreisen in einem bestimmten Zeitraum. Je stärker die Preise vom Durchschnittspreis abweichen, desto höher ist die Volatilität,“ so der Marktexperte. Warum soll man sich jedoch dieser schwankenden Marktentwicklung aussetzen? Gerade weil die Märkte so unruhig sind, ist die Börse sinnvoll, um sich abzusichern, lautet das Credo Kuchenbuchs. Er empfiehlt dafür den Handel mit Warenterminkontrakten, den sogenannten Futures. Sie haben ihren Namen vom englischen Wort für Zukunft: Future. An der Börse steht diese Bezeichnung daher für Kontrakte mit Preisen, die für Monate in der Zukunft gehandelt werden. Der Preis für die Futures wird auf dem Börsenparkett oder elektronisch ermittelt. Die Kontrakte enthalten Übereinkünfte zur Lieferung oder Abnahme einer festgelegten Warenmenge zu einem bestimmten Monat. Sie unterscheiden sich von Geschäften am physischen Markt, wo die Ware sofort gehandelt wird. Die Futures sind im Hinblick auf Preis, Qualität und Menge sowie Liefer- oder Abnahmeort standardisiert. Um an der Börse gehandelt zu werden, muss die Ware vorgeschriebenen Qualitätsparametern entsprechen. Beim Raps verlangt die Börse Euronext in London / Paris beispielsweise 00-Raps mit 40 Prozent Öl und neun Prozent Feuchtigkeit. Diese Waren, die mit einer genau festgelegten Spezifikation an der Terminbörse gehandelt werden, nennt man Commodities. Börsenkontrakte werden meist zurückgehandelt Der Unterschied zum physischen Markt ist, dass an der Warenterminbörse die im Kontrakt vereinbarte Ware nicht geliefert wird, sondern die Kontrakte vor Fälligkeit meistens wieder zurückgehandelt werden. Das heißt, das Getreide wird meist nicht irgendwohin hingeliefert, sondern es wird in einem anderen Warentermingeschäft wieder zurückgekauft. Es soll lediglich als ergänzende Absicherung des physischen Geschäftes dienen. Wenn ein Landhändler etwa im Frühjahr Platz für Dünger schaffen muss, im Lagerraum aber noch Weizen liegt, kann er diesen erstmal am physischen Markt verkaufen. Ist der Händler der Meinung, dass der Weizenpreis noch weiter steigen wird, kann er genau die Menge, die er am physischen Markt verkauft hat, am Terminmarkt wieder einkaufen — mit einem Future, der den gleichen Preis hat. Nun verfügt der Landhändlerwieder über den Weizen, jedoch nur auf dem Papier. Allerdings hat er für seinen Dünger Platz geschaffen. Steigt der Preis nun, kann der Landhändler die Ware, die er auf dem Papier besitzt, gewinnbringend am Terminmarkt verkaufen. Fällt der Preis, bekommt der Landhändler bei Fälligkeit der Kontrakte weniger Geld. Hätte er die physische Ware behalten und der Preis wäre gesunken, hätte er auch weniger bekommen. Damit hat er zwar keinen Gewinn gemacht, allerdings auch keinen Verlust. Und er hat zudem eine Möglichkeit gefunden, sein Lager leerzubekommen. Absicherung der Geschäfte durch Hedging Dieses Absichern durch ergänzende Geschäfte an der Börse nennt man Hedging. Der Begriff leitet sich vom englischen Begriff „to hedge“ ab, der „absichern“ bedeutet. Es hat den Sinn, Verluste am physischen Markt, auch Kassamarkt genannt, durch Gewinne am Terminmarkt auszugleichen. Damit schützt der Marktteilnehmer sich gegen Preisveränderungen. Gleichzeitig geht er bei diesem Geschäft ein Risiko ein, denn der Preis für das Produkt könnte am physischen Markt noch steigen — er könnte aber auch fallen. Da man nicht in die Zukunft blicken kann, ist der Future-Handel eine Möglichkeit, sich zumindest einen im Moment gut erscheinenden Preis und die Menge zu sichern. Das hat nichts mit Spekulation zu tun, sondern bedeutet eine Absicherung der Produktion mit einem festgelegten Preis, den man sicher in seine Geschäfte einkalkulieren kann. Zudem könnte es sein, dass am physischen Markt derzeit kein Marktpartner vorhanden ist, die Ware also eigentlich nicht liefer- oder abnehmbar ist. Wichtig ist dabei natürlich, dass die Marktteilnehmer, die Terminkontrakte abschließen, genau wissen, was sie im Jahr an Ware brauchen oder verkaufen und welchen Preis sie maximal zahlen können, um am Ende ein betriebswirtschaftliches Plus zu erzielen. Daher ist für eine Beteiligung an der Börse eine gewisse Grundliquidität die Voraussetzung. Ein Terminmarkt wie etwa die Cbot ist dann nützlich, wenn das gehandelte Produkt einer hohen Volatilität unterliegt, sich die Marktteilnehmer jedoch absichern wollen. Erster Terminmarkt: Chicago in den USA Erhebliche Preisschwankungen erlebten die Rohstoffmärkte auch in den USA im 19. Jahrhundert. Schon damals suchten Produzenten und Verarbeiter Möglichkeiten, sich gegen diese Volatilität abzusichern. Damals differierte der Brotpreis bis zum fünffachen zwischen erntenahen und erntefernen Zeitpunkten. Im Jahr 1848 gründeten Getreidehändler den Terminmarkt für Agrarprodukte, die Chicago

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